Die
Europäische Union steckt in einer Krise, deren Schwere nicht unterschätzt
werden darf. Diese Krise ist auf das Wesen der Union selbst zurückzuführen,
deren gegenwärtiger Zustand der Absicht einiger Mitgliedstaaten entspricht,
die Europäische Gemeinschaft zu einer Zone mit einem immer niedrigeren
Integrationsniveau zu verwässern. Diese Absicht ist unvereinbar mit dem
Versuch, den politischen Zusammenhalt zwischen den Mitgliedstaaten zu stärken,
und führt zur Lähmung Europas. Die erweiterte Union ist heute nicht
in der Lage zu gewährleisten, dass auf dem Kontinent eine Zone der Stabilität
entsteht, deren Integration schrittweise erfolgt; sie ist nämlich in ihrem
Innern von Grund auf heterogen und verfügt nicht über die Instrumente,
um die Kluft zwischen den Mitgliedstaaten zu schließen und die Voraussetzungen
dafür zu schaffen, dass es zu einer wirklichen Konvergenz der Interessen
kommt; und erst recht kann die Union nicht die Erwartungen nach einer verantwortlichen
Führung im politischen und wirtschaftlichen Bereich erfüllen, die
bei zahlreichen Gelegenheiten an sie gerichtet werden, wobei ihr Zuständigkeiten
zugewiesen werden, die eine fest umrissene einheitliche Zielsetzung voraussetzen
würden, wollte man sie in einem zwischenstaatlichen Rahmen wie dem derzeitigen
tatsächlich wahrnehmen. Dies alles wird eine unumkehrbare Krise der Europäischen
Union zur Folge haben, wenn es nicht möglichst rasch gelingt, den Rahmen,
innerhalb dessen die Verwirklichung des Projekts der politischen Einheit Europas
noch angestrebt werden kann, von jenem anderen Rahmen zu unterscheiden, der
von der erweiterten Union gebildet wird und innerhalb dessen dieses Projekt
nicht mehr weiter verfolgt werden kann.
Unter diesem Gesichtspunkt fällt Frankreich und Deutschland eine entscheidende
Rolle zu. Die politischen Klassen sowie die französische und die deutsche
Regierung sind aufgefordert, binnen kurzem eine eindeutige Wahl zu treffen zwischen
einer Politik steriler Kontinuität und einer Politik mutiger Diskontinuität
hinsichtlich des Wie und des Wann der Schaffung Europas in einem Umfeld, das
aufgrund des wachsenden Misstrauens der Bevölkerung gegenüber der
Europäischen Union schwieriger geworden ist. Sie können nur dann verhindern,
dass dieses Misstrauen rasch in offene Ablehnung des Gedankens der europäischen
Einheit tout court umschlägt und zur Wiedergeburt des Nationalismus führt,
wenn sie bereit sind, eine europäische Rhetorik aufzugeben, die von den
Bürgern nachweislich nicht mehr hingenommen wird. Es handelt sich um eine
Rhetorik, die periodisch und rituell eine neue europäische Politik für
diesen oder jenen Bereich verkündet, eine Politik, die jedoch auf dem Papier
bleiben wird, weil die Union nicht über die Instrumente verfügt, um
sie zu verwirklichen; oder um eine Rhetorik, die fordert, dass die Union unbegrenzt
reformierbar ist und sich durch kleine institutionelle Winkelzüge (escamotages)
noch zu Formen einer engeren Einheit weiterentwickelt. Diese Rhetorik rechtfertigt
den Aufschub der Übertragung der nationalen Souveränität auf
Europa in den Schlüsselbereichen Außenpolitik, Verteidigung und Steuern
auf unbestimmte Zeit und erlaubt es gleichzeitig dem britischen Premierminister
Tony Blair, das Verdienst für sich zu beanspruchen, der Vorreiter des neuen
europäischen Modells zu sein, und eine Politik zu verfolgen, die Kontinentaleuropa
in einem Zustand der Spaltung und Ohnmacht hält.
Auf der neuen deutschen Regierung wird eine besondere Verantwortung lasten.
Deutschland hat schon immer im Guten wie im Bösen die Entwicklung der Kräfteverhältnisse
zwischen den Staaten in Europa beeinflusst. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges
wurde in das Grundgesetz als Zeichen der Einleitung einer neuen Phase in den
Beziehungen zwischen Deutschland und den übrigen europäischen Ländern
das Ziel der Schaffung eines friedlichen Europas aufgenommen. Dieses Prinzip
wurde nach der deutschen Wiedervereinigung bekräftigt und präzisiert:
heute ist Deutschland das einzige Land unter den Gründerstaaten der ersten
Gemeinschaften, das nach seinem Grundgesetz eine Entwicklung der Europäischen
Union getreu den föderalen Prinzipien fördern müsste. Allerdings
kam es mit der Veränderung des globalen Rahmens nach dem Ende der bipolaren
Ordnung und angesichts der offenkundigen Schwierigkeit, die Union in föderalem
Sinne zu reformieren, zu einem Auseinanderklaffen der nationalen und der europäischen
Anliegen Deutschlands. Beleg dafür ist die widersprüchliche Art, in
der die Krisen auf dem Balkan, die Beziehungen zu Mittel- und Osteuropa und
selbst der Kampf gegen den Terrorismus bewältigt wurden. Falls diese Normalisierung
der Außenpolitik in nationalem Sinne - dem Anschein nach harmlos und mit
der Verteidigung der europäischen Interessen vereinbar, in Wirklichkeit
jedoch auf Dauer destruktiv - sich in einem Land wie Deutschland, dem eine so
entscheidende Bedeutung zukommt, konsolidieren sollte, wäre es schwierig
zu verhindern, dass sie auch auf die anderen Länder übergreift und
dort Fuß fasst; damit könnte die Entwicklung hin zur Auflösung
Europas nicht mehr aufgehalten werden.
Zum zweiten Mal innerhalb der letzten fünfzehn Jahren ist die Zukunft Deutschlands
mit der Zukunft Europas verquickt. Nach dem Fall der Berliner Mauer stellte
die Entscheidung, die europäische Währung einzuführen und die
Europäische Union nach Osten hin zu erweitern, den Versuch dar, die europäischen
Dämme zu errichten, die es nach der illusionistischen Vorstellung der französischen
und der deutschen Führungsschicht erlauben sollten, die Macht des wieder
aufstrebenden Deutschland zu beschränken. Die Krise, in der Europa sich
heutzutage befindet, ist das Ergebnis dieses Ansatzes, der mit der Forderung
verbunden war, eine Währung einzuführen, unabhängig davon, ob
tatsächlich eine Wirtschafts- und Steuerpolitik auf europäischer Ebene
verfolgt wird, und bei einer wachsenden Zahl von Ländern an einem homogenen
Rahmen für die Entwicklung der europäischen Integration festzuhalten.
Das Ergebnis des Referendums über den Europäischen Verfassungsvertrag
in Frankreich und die Debatte über die europäischen Themen im Verlaufe
des Wahlkampfes in Deutschland zeigen, dass solidere und dauerhaftere Dämme
errichtet werden müssen, d. h. ein Europäischer Staat geschaffen werden
muss.
Um diesen Weg zu beschreiten, ist nunmehr ein Akt der Diskontinuität im
Vergleich zur jüngsten Vergangenheit vonnöten. Zuallererst liegt es
in der Verantwortung Deutschlands und Frankreichs, diesen Akt vorzuschlagen
und zu vollbringen, und zwar in dem Bewusstsein, dass es nicht darum geht zu
handeln, um Europa unwiderruflich zu teilen, sondern vielmehr, um die Grundlagen
für einen neuen Aufschwung Europas zu schaffen, wobei alle Länder,
die dies möchten, sich an diesem historischen Unterfangen beteiligen können.
Kurzum müssten Deutschland und Frankreich - um den Zusammenbruch zu vermeiden
- so rasch wie möglich eine Initiative im Rahmen der Gründerstaaten
ergreifen, um 1. den Aufbau Europas außerhalb der bestehenden Verträge
neu zu beleben; 2. einen nicht verhandelbaren föderalen Pakt zu schließen,
mit dem die Staaten, die dazu bereit sind, unwiderruflich auf ihre Souveränität
in den Bereichen Militär und Außenpolitik verzichten und 3. eine
Konstituierende Versammlung einzuberufen, die in den Ländern zu wählen
wäre, die den Pakt unterschrieben und ratifiziert haben, und die die Aufgabe
hätte, die Verfassung des Europäischen Bundesstaates auszuarbeiten.
Dieser föderale Kern, dem zu einem späteren Zeitpunkt die Mitgliedsländer
der Union, die dies wünschen, beitreten können, müsste mit den
europäischen Institutionen darüber verhandeln, auf welche Grundlage
die wechselseitigen Beziehungen zu stellen und wie sie zu regeln sind, und könnte
der Rettungsanker für die Union werden. Koppelt man die Bestimmung und
den Auftrag des europäischen politischen Projekts und der großen
Union voneinander ab, so werden nicht nur die Voraussetzungen für den geschichtlichen
Erfolg des Projekts, sondern auch die Bedingungen dafür geschaffen, dass
die politische und wirtschaftliche Stabilisierung des Kontinents, die aufgrund
der derzeitigen Schwäche der Union prekär ist, dauerhaft von Erfolg
gekrönt sein wird. Die Zukunft unseres Kontinents hängt davon ab,
dass dieser föderale Kern binnen kurzem entsteht.
Publius