Februar 1999
Die Einführung der gemeinsamen europäischen Währung
muß als außergewöhnliches Ereignis in der Geschichte
des Kontinents gefeiert werden. Wie viele sehr richtig bemerkt
haben, geschieht es zum ersten Mal, daß sich eine Gruppe
großer unabhängiger Staaten freiwillig in das enge
Korsett einer gemeinsamen Währung zwängt. Damit haben
die elf Euroland-Mitglieder einen enorm wichtigen Schritt getan.
Die Teilnahme an der gemeinsamen Währung bedeutet für
die WWU-Mitgliedstaaten den Verzicht auf das geldpolitische Instrumentarium,
und damit verringert sich drastisch die Anzahl der ihnen zur Verfügung
stehenden Mittel, in die Wirtschaft einzugreifen. Die Währungsunion
stellt de facto die Souveränität ihrer Mitglieder in
Frage. Folglich werden diese früher oder später vor
der Entscheidung stehen, entweder auf die eigene Souveränität
oder auf die Währungsunion zu verzichten.
Es ist nur natürlich, daß dieses Dilemma von der übergroßen
Mehrheit der Politiker und Beobachter verleugnet wird. In diesen
Wochen liest man in den Zeitungen die seltsamsten Elaborate über
die Möglichkeit, eine einheitliche Währung mit der Existenz
einer Vielzahl souveräner Staaten in Einklang zu bringen:
Diese Möglichkeit wird gerne mit der angeblichen Aufweichung
des bisherigen Wesens der Souveränität begründet,
doch in Wirklichkeit steckt hinter dieser Behauptung nur der Wille,
die Souveränität im nationalen Rahmen zu belassen. Die
schlauesten unter den Politikern und Journalisten wissen natürlich
um die Art der Widersprüche, die die gemeinsame Währung
zwangsläufig aufkeimen lassen wird, und sie sind sich der
Notwendigkeit einer institutionellen Reform der Union bewußt.
Doch kaum einer hat genügend Mut und Verstand, um mehr vorzuschlagen
als einige institutionelle Notbehelfe von ausschließlich
juristischer Tragweite.
Was heute alle "Pro-Europäer" vereint, ist das
Unvermögen, zur Kenntnis zu nehmen, daß die Europäische
Union - wenn sie sich von den Widersprüchen befreien will,
in die sie sich verstrickt hat - einen revolutionären Sprung
machen muß, durch den die gegenwärtigen Mitgliedstaaten
aufhören, als souveräne Gebilde zu existieren, um auf
diese Weise einen neuen europäischen Staat aus der Taufe
zu heben, der seinerseits mit den Vorrechten der Souveränität
ausgestattet würde. Selbstverständlich wäre dies
ein föderaler Staat mit klar abgegrenzten Kompetenzen, in
dem die nationale, regionale und lokale Ebene zahlreiche wichtige
Befugnisse ausüben, die in einer Verfassung verankert sind
und von einem Gerichtshof garantiert werden; jedenfalls ein Staat,
der sich auf ein Volk stützt, dessen Zentralregierung jedenfalls
für die Außen- und Sicherheitspolitik zuständig
ist und der so präsent und greifbar ist, daß seine
Bürger ihn zum Bezugspunkt eines starken Konsenses machen
können.
Diese Perspektive wird von den "Realo-Europäern"
nicht ernst genommen; sie weisen die Idee von einem europäischen
"Superstaat" zurück, ohne zu wissen, wovon sie
überhaupt reden, und sie versuchen, die Vorstellung zu verbreiten,
daß ein europäischer Staat ein bürokratischer
und zentralistischer Staat sein müsse. Dieser Gedanke ist
ein grober Irrtum, weil es völlig undenkbar ist, eine Vielzahl
von Nationalstaaten mit unterschiedlichen Sprachen und Kulturen,
die alle eine jahrhundertelange Geschichte aus Unabhängigkeit
und Konflikten hinter sich haben, in einem bürokratischen
und zentralistischen Staat zu vereinen. In Wirklichkeit ist dies
nur eine Weise, um zu vermeiden, daß das Problem an der
Wurzel gepackt wird. Die Folge dieser Haltung ist, daß die
Feinde Europas sich einer offenen und aggressiven Sprache befleißigen,
während seine schüchternen Befürworter vor lauter
Angst, Anstoß zu erregen oder jemandes Interessen oder Empfindlichkeiten
zu verletzen, sich fortwährend bemühen, Vorschläge
vorzubringen, die so harmlos sind, daß sie nur ja niemanden
erschrecken.
Die Wahrheit ist, daß der revolutionäre Sprung, von
dem das Überleben der Währungsunion und die Zukunft
Europas abhängen, nicht heimlich getan werden kann, ohne
daß es jemand bemerkt. Das politische Europa errichten heißt,
daß die zwischenstaatliche Regierungsmethode überwunden
werden muß, die auf hinter verschlossenen Türen erreichten
Kompromissen beruht. Und selbst wenn die Regierungen bis zur Vollendung
dieses Prozesses (sofern es denn ein positives Ende geben wird)
eine entscheidende Rolle behalten werden, so ist es doch undenkbar,
daß die Regierungsmethode mit der Regierungsmethode überwunden
werden könnte. Das Ziel kann nur erreicht werden, wenn die
zwischenstaatliche Regierungsmethode, die auf eine Reform der
Verträge abstellt, durch die verfassunggebende Methode ersetzt
wird, aufgrund derer das Volk über seine gewählten Vertreter
selbst entscheidet, welche Form des Zusammenlebens es wünscht
und auf welchen Werten sich die Gesellschaft stützen soll.
Es versteht sich von selbst, daß dies eine starke Mobilisierung
seitens der Öffentlichkeit erfordert, die aber nur ausgelöst
werden kann, wenn sich angesichts der schwerwiegenden Krisen,
die sich in mehr oder weniger ferner Zukunft zwangsläufig
einstellen werden, jemand traut, die harte Sprache der Wahrheit
zu sprechen, und dabei die Risiken nicht scheut, die jede mutige
Position mit sich bringt. Wenn dies nicht geschieht, dann werden
sich die Hoffnungen derer, die auf die Heilwirkung der Zeit sowie
darauf vertrauen, daß die Währungsunion auch ohne Staat
schon imstande sein werde, die politischen und finanziellen Stürme,
die in der heutigen Zeit immer wieder aufziehen, schadlos zu überstehen,
schon sehr bald als bare Illusion erweisen.
Publius